© Wilhelm Maria Lipp:
Jeder Schritt ist hörbar. Gefrorener Schnee wird durch meine Winterschuhe zusammengedrückt. Knirsch! Neben mir marschiert tapfer meine Frau. Sie kam im Vorjahr aus Deutschland zu mir. Ich möchte ihr die zugefrorene Donau zeigen.
Die kalte Luft strömt durch meine Nase in meinen Körper und verklebt die Nasenhaare. Sie frieren zusammen. Es ist klirrend kalt.
Wir kommen zum Ufer, sehen den Eisstoß. Ganz ruhig liegt die Donau vor uns. Alles ist still, nicht einmal Vögel sind in der Luft, nur ein leichter Wind bläst über das Eis und bringt die beißende Kälte an unsere Ohren. Schweigend schauen wir zum gegenüberliegenden Ufer. Auf dem Eis erkennen wir Tierspuren.

In mir formen sich Bilder aus überlieferten Geschichten und aus meiner eigenen Erinnerung. So muss ich an die Erzählungen der Alten denken. Wie die Donau früher jedes Jahr zufror und von den Menschen mit Pferdeschlitten überquert werden konnte. Damals war der Fluss noch nicht reguliert. Die Eisdecke bot die Gelegenheit ohne Schiff oder Floss die Freunde am anderen Ufer zu besuchen.
Manchmal übersahen die Leute auch die Zeit der einsetzenden Schmelze oder waren voll Übermut und brachen im Eis ein. Jedes Jahr holte sich der Fluss seine Opfer. Tragödien spielten sich ab.
Auch die Tiere konnten auf der Eisdecke den Fluss überqueren, so wie die Fußspuren es uns auch heute zeigen. Rehe, Hirsche, früher wahrscheinlich auch Wölfe. Die Zeit war voll Abenteuer.

Meine Gedanken schweifen in meine Kindheit, in die Zeit, die ich selber miterlebt habe. Wir wohnten damals neben einem Mühlbach. Das ist ein Werkskanal, der Wasser aus dem Fluss abzweigt zum Antreiben der Mühle im Ort.
Sobald das Wasser zufror, trafen sich die Männer der Wasserwehr. Sie schulterten lange Stangen, die wie Hellebarden aus der Vorzeit spitze Metallspieße am Ende hatten. Damit wurde das Eis des Baches zertrümmert und stromabwärts geflößt. Auch bei dieser Arbeit gab es manchmal Unfälle, so fiel der eine oder andere Mitarbeiter auch mal in den Bach. Tragisch wurde es dann, wenn er unbemerkt unter eine Eisscholle kam, da konnte der Unfall schon tödlich ausgehen.
Manchmal musste das Eis sogar gesprengt werden, weil es so dick gefroren war und die Männer anders den Wasserweg nicht mehr frei bekamen.

Für uns Kinder boten die zugefrorenen Lacken tolle Spielmöglichkeiten, auf denen wir schlittern konnten, oder, wer Eislaufschuhe hatte, konnte sogar richtig Eislaufen darauf. Wir hatten so genannte „Schraubendampfer“. Das waren Kufen, die man an die Sohlen der Winterschuhe montierte. So konnte jedes Kind einmal eine Runde Schlittschuhlaufen.
Auch wir beobachteten damals das Eis und konnten schon aus der Färbung der Eisdecke ablesen, ob es fest genug war, oder ob man die Stelle besser schon meiden sollte. – Trotzdem passierten in dieser Zeit immer wieder Unfälle. Unsere Eltern und Großeltern ermahnten uns, ja genug aufzupassen und uns nicht in Gefahr zu begeben.

Ich schaue wieder zu meiner Frau, dann auf das Eis der Donau. Wie lange wird diesmal die Eisdecke halten? Traut sich jemand auch heute über das Eis ans andere Ufer zu gehen? Ich nicht! Wir nicht! – Tja, mit dem Auto über die Brücke ist es komfortabler und viel weniger gefährlich. Außerdem, wer steht denn heute noch auf solche Abenteuer?
Uns wird immer kälter. Der Gedanke an eine Tasse mit heißem Tee lässt uns gerne umkehren. Die Ohren bitzeln, nicht einmal die Hände wollen wir uns geben, auch nicht reden. Die Kälte hat uns voll erfasst. Nur das Geräusch des zusammengedrückten gefrorenen Schnees begleitet uns zum Auto.